Neuroleptika – Konfliktfeld Nr. 1 in der Schizophreniebehandlung

Gegenwärtiger Stand des medizinischen Wissens über Schizophrenie ist, dass jemand mit einer Psychose sofort mit Neuroleptika behandelt werden sollte. Dem Betroffenen wird aber nicht gesagt, dass er dieses Medikament, wenn es ihm hilft, wahrscheinlich, in der Mehrheit der Fälle, für den Rest seines Lebens nehmen muss. Und das ist der eigentliche Konfliktpunkt.

Ärzte rätseln oft, warum die kranken Menschen die Medikamente immer wieder absetzen. Die Wahrheit ist aber, dass die meisten sie erst einmal freiwillig nehmen, bereit sind, das auszuprobieren, auch wirklich medizinische Hilfe gegen ihre Ängste und Stimmen suchen. Nur würden die meisten die Medikamente auch gerne einmal wieder absetzen, aber genau das ist in der Mehrzahl der Fälle nicht möglich, ohne erneut im Krankenhaus zu landen.

Ärzte fragen sich oft, ob die Nebenwirkungen entscheidend sind, ob die Medikamente irgendwie subjektiv nicht als hilfreich wahrgenommen werden, ob sie die Negativsymptomatik erschweren oder warum sonst die Menschen sie nicht einfach nehmen. Das Grundproblem sind aber nicht die Nebenwirkungen oder ein subjektiver Eindruck oder sonst etwas.

Das Grundproblem ist, dass die Mehrzahl derjenigen, die die Medikamente einmal nehmen, sie immer nehmen müssen. Nach zwei bis drei Jahren Einnahme können sie nicht einmal mehr einschlafen, wenn sie eine Dosis vergessen. Oft führt selbst das Reduzieren zu einem erneuten Schub. Wer aber will von Mitte 20 bis zum Tod ein derartiges Medikament nehmen? Wer würde sich nicht dagegen wehren? Wer würde nicht dagegen rebellieren?

Ich kenne Menschen, die Neuroleptika völlig problemfrei absetzen konnten, aber die waren dann oft mit Borderline oder so etwas diagnostiziert, denen hat das Medikament wahrscheinlich nie geholfen. Wem das Medikament aber einmal hilft, der ist sein Leben lang daran gekettet.

In meiner Arbeit sehe ich kranke Menschen, mit denen niemand jemals gesprochen hat über ihre Erkrankung, die nie eine Psychotherapie gemacht haben, die immer wieder einmal versuchen, die Medikamente abzusetzen. Das geht dann schief und wird als Grund gesehen, sie gegen ihren Willen weiter zu betreuen. Dies sind traurige Schicksale von Menschen, die wahrscheinlich bis zum Tode Medikamente nehmen müssen und deren gesetzliche Betreuung wahrscheinlich niemals aufgehoben werden wird.

Was sollte geschehen, um dieses Konfliktfeld zu entschärfen? Ersterkrankte sollten erst dann Neuroleptika erhalten, wenn alle anderen Maßnahmen keinen Erfolg haben. Wenn den Betroffenen durch ein sicheres und angenehmes Umfeld, durch Psychotherapie und durch soziale Maßnahmen  nicht geholfen werden kann. Diejenigen, die die Medikamente bereits nehmen, sollten darüber aufgeklärt werden, dass das Absetzen wahrscheinlich niemals klappen wird, dass sie an dieses Medikament gekettet sind.

Außerdem brauchen wir dringend Forschung, wie die langfristige Perspektive für die Betroffenen verbessert werden kann. Medikamente haben diese langfristige Perspektive nicht wirklich verändert, auch heute noch haben viele Betroffene schlechte Aussichten darauf, ein normales Leben leben zu können.

Die Medikamente dürfen nicht als Mittel der ersten Wahl gegeben werden. Sie sollten erst dann eingesetzt werden, wenn nichts anderes Hilfe verspricht. So wie es jetzt läuft, werden chronifizierte Patienten produziert, die immer wieder mal verzweifelt versuchen, das Medikament abzusetzen, was dann scheitert und nicht selten zu einer Katastrophe führt.

Mein Aufruf: Überschätzt nicht die Medikamente! Die Betroffenen werden selten durch die Medikamente wirklich symptomfrei. Aber sie sind für den Rest ihres Lebens von dem Medikament abhängig. Ein Teil der Betroffenen findet sich damit ab. Ein anderer Teil rebelliert. Viele dieser Konflikte wären vermeidbar, wenn die Medikamente nur als Mittel der letzten Wahl eingesetzt würden.

Ein Kommentar

  1. Es ist ohne Zweifel oftmals, und eher unabhängig von der jeweiligen Diagnose, schwierig, Psychopharmaka abzusetzen, wenn man sie erstmal eine Zeit lang regelmässig genommen hat. Das Hirn passt sich der regelmässigen Zufuhr der Stoffe an, es entsteht also eine neurologische Abhängigkeit, die sicher manchmal, aber durchaus nicht immer irreversibel ist. Ich würde es bestimmt nicht als unmöglich bezeichnen, Psychopharmaka absetzen oder reduzieren zu können. Viele Menschen, darunter auch viele mir persönlich bekannte, auch Menschen mit einer “Schizophrenie”diagnose, haben ihre Medikamente erfolgreich abgesetzt oder die Dosis reduziert. Darunter auch Menschen, die jahrelang, manchmal jahrzehntelang, Medikamente genommen haben. Sie figurieren aber nicht unbedingt in der Statistik der Psychiatrie, da sie sich in den meisten Fällen im Zuge des Absetzens auch aus der Psychiatrie abgeseilt haben, und damit sozusagen von der Bildfläche verschwunden sind, während es hauptsächlich diejenigen sind, die aufgrund weniger erfolgreichen Absetzend oder Reduzierens wieder in der Psychiatrie landen, die dann auch weiterhin in deren Statistik auftreten.

    Zwei Dinge sind erfahrungsgemäss zu beachten, wenn man seine Medikamente absetzen, oder auch nur die Dosis reduzieren möchte: 1. Die wenigsten landen ohne weiteren Grund in der Psychiatrie, und in den meisten Fällen handelt es sich beim Grund um Schwierigkeiten im Umgang mit den Herausforderungen des Lebens. Wenn man absetzen oder reduzieren möchte, muss man darauf vorbereitet sein, dass diese Schwierigkeiten sich wieder vermehrt geltend machen, und es ist daher empfehlenswert, dass man sich Gedanken darüber macht, wie man mit ihnen auf eine Weise umgehen kann, die einen eben nicht wieder in der Psychiatrie landen lässt. Oder, wie Einstein sagte, “Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.”

    2. Vor dem Absetzen oder Reduzieren sollte man sich immer gründlich über Vorgehensweisen, Risiken, usw. informieren. Es gibt inzwischen Etliches an empfehlenswerter Literatur, z.B. Will Halls “Harm Reduction-Leitfaden zum risikoarmen Absetzen von Psychopharmaka”.

    Leider sehe ich es auch oft, dass Leute einen oder beide der genannten Punkte nicht beachten, und dann geht die Sache halt meistens schief. Man sollte aber bei aller Vorsicht auch bedenken, dass die jeweilige Erwartungshaltung eine nicht zu unterschätzende Rolle für das Ergebnis spielt. Wenn ich von vornherein nicht recht daran glauben mag, dass mir ein Absetzen oder Reduzieren gelingen könnte, sind meine Chancen allein durch diesen Zweifel schon geringer, als wenn ich guten Mutes an die Sache herangehe. Und es gibt meiner Ansicht nach jeden Grund, optimistisch zu sein, vorausgesetzt, dass man eben nicht Hals über Kopf seine Medikamente wegschmeisst, und glaubt, dass die Sache damit geritzt sei. Ist sie in der Regel nicht!

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