Offenheit für Beziehung

Wahrscheinlich ist das, was wirklich zählt im Leben, Beziehung. Nicht nur partnerschaftlich, sondern auch freundschaftlich, familiär und allgemein. Langzeitstudien zum Lebensglück legen nahe, dass Beziehung der wichtigste Faktor ist, der über Glück oder Unglück entscheidet. Auch wenn Betroffene ihre Geschichte reflektieren, wie bestimmte Probleme entstanden, spielen oft Zeiten ohne gute Beziehungen dabei eine wichtige Rolle. Und der Gradmesser von Recovery  ist mutmaßlich die Qualität der Beziehungen.

Beziehung ist als wirklich wichtig. Und doch gibt es wahrscheinlich nichts Schwierigeres als Offenheit für Beziehung. Denn es gibt auch subjektiv nichts Gefährlicheres als Beziehung. Manchmal hat man Angst, etwas zu verlieren, wenn man wirklich mit anderen teilt. Manchmal hat man Angst vor dem Feedback der Beziehungspartner, wenn man über seine Wünsche spricht. Manchmal hat man Angst, dass das eigene Leben unkenntlich wird, wenn man sich wirklich auf eine Beziehung mit einem anderen Menschen einlässt.

Diese Ängste sind nicht völlig unberechtigt. Denn wenn wir uns wirklich auf Beziehung einlassen, verändern wir uns. Und wir können uns auch in Probleme verwickeln, die wir alleine nicht hätten. Und wir sind dann auf die Antworten, die Kooperation, die Bereitschaft des Gegenübers zum Miteinander angewiesen. Wir wären plötzlich unglücklich, wenn der andere sich zurückzieht. Dann gibt es ja auch Menschen, die nicht verantwortlich mit dieser Nähe und Verletzbarkeit umgehen. Denen würden wir uns dann ausliefern, was viele Betroffene aus ihrer Herkunftsfamilie kennen.

Offenheit für Beziehung ist also alles andere als einfach. Aber ich glaube im Kern meint es die Bereitschaft, sich in den Kontakten zu zeigen, echt zu sein, vertieft und persönlich in Kontakt zu gehen mit dem Gegenüber. Am besten in reziproken Beziehungen, wo sich beide Seiten zeigen. Und das kann man üben. Wenn Sie üben wollen, probieren Sie doch mal, mit Menschen im Alltag, vielleicht im Bus oder im Einkaufsladen oder beim Spaziergang ins Gespräch zu kommen. Fragen Sie sich auch, wer von Ihren engeren Kontakten wirklich vertrauenswürdig ist, mit wem Sie gerne enger in Kontakt wären, und versuchen Sie dann vorsichtig den Kontakt zu vertiefen. Probieren Sie auch mal einem Menschen ihre “geheimen Wünsche” für ihre Zukunft zu erzählen. Eine gute Übung ist es auch, liebevolle Gedanken über nahestehende Menschen aufzuschreiben.

Offenheit für Beziehung bleibt schwierig, gerade für Betroffene mit schlechten Beziehungserfahrungen. Und doch gibt es nichts anderes, das uns so erfüllt und beglückt. Ich wünsche Ihnen gelingende kleine Schritte der Offenheit in Beziehung!

“Angehörige sind Erfahrene”

Titelbild Angehörige Paranus Verlag

Im Paranus Verlag ist das Buch “Angehörige sind Erfahrene. Ein Ermutigungsbuch” erschienen, herausgegeben von Fritz Bremer und Hartwig Hansen.

Das Buch enthält 16 Erfahrungsberichte von Angehörigen, überwiegend geschrieben von Müttern psychosekranker Kinder. Alle Berichte sind von sehr engagierten Eltern verfasst, die viel für ihre Kinder getan haben und immer noch leisten. Sie berichten bewegend, wie schockierend die Erkrankung des Kindes für sie war. Wie sich die Perspektive verschob: Nicht mehr waren Enkelkinder, ein harmonisches Familienleben, eine berufliche Karriere für das Kind zu erwarten, sondern plötzlich ging es um Krisenintervention, Medikamente, Selbständigkeit und ein Stückchen Hoffnung. Die Angehörigen beschreiben, was das mit ihnen gemacht hat, wie sie damit umgegangen sind und wie sie ihren Weg gefunden haben.

Sowohl als Betroffene als auch als Wohnbetreuerin weiß ich, dass die Ablösung vom Elternhaus bei Psychose oft nicht gut gelingt. Das erwachsene Kind würde gerne selbständig sein, vielleicht auch gerne weniger Kontakt mit den Eltern haben, aber es gibt immer wieder Not und Schwierigkeiten, die Hilfe von den Eltern verlangen. Auch die Eltern können nicht gut loslassen, sie machen sich Sorgen und glauben, dass ihre Hilfe immer wieder gefordert ist. Das Resultat sind ambivalente und auch schwierige familiäre Beziehungen, die auch oft einer guten Entwicklung der Betroffenen nicht so zuträglich sind. So beschreibt Janine Berg-Peer in dem Buch, dass es sehr förderlich für alle Beteiligten war, als sie eine gewisse Gelassenheit erlernte und nicht mehr ständig ihrer Tochter hilfreich zur Seite sprang.

In dem Buch wird vor allem die emotionale Not der Angehörigen sichtbar, die oft sogar in Verzweiflung mündet. Alles scheint verfahren und hoffnungslos und man selbst fühlt sich hilflos, der Situation nicht gewachsen, ohne Möglichkeiten, alles zum Guten zu wenden. Dazu Scham und Schuldgefühle angesichts der Verhaltensauffälligkeiten und der bislang ungeahnten Situationen, in die man verstrickt ist. Diese große emotionale Not wird in vielen Bildern beschrieben und teilt sich dem Leser unmittelbar mit. Und genau darin, in diesem sich schwach fühlen, liegt die Stärke des Buches.

Ich hoffe, viele Professionelle werden das Buch lesen, damit sie lernen besser mit den Angehörigen ihrer Klienten umzugehen. Ich hoffe, viele Betroffene werden das Buch lesen, damit sie sich berühren lassen und vielleicht auch ihre eigenen Angehörigen besser verstehen. Ich hoffe, viele Angehörige werden das Buch lesen, damit es für sie ein Ermutigungsbuch sein kann, nicht nur stark ihren Weg zu gehen, sondern auch schwach diese emotionale Not mit anderen zu teilen.

Fritz Bremer sagt im Vorwort, dass diese persönlichen Berichte ein Geschenk sind. Auch von mir ein Dankeschön für dieses Geschenk!

IVEP!

IVEP, Institut zur Vermittlung von Erfahrungswissen in der Psychiatrie, bringt Veranstalter und Organisationen, die gerne psychiatrie-erfahrene Sprecher oder Dozentinnen, Autoren oder Workshop-Leiterinnen bei sich im Hause erleben möchten, mit Erfahrungsexperten zusammen. Es ist gedacht als eine Vermittlungsstelle, wo Veranstalter und Organisationen Aufträge erteilen können und Menschen mit einer EX-IN-Ausbildung oder Tätigkeit in der Selbsthilfe oder Betroffenenbewegung Kontakte knüpfen und erste Aufträge erhalten können. Die inhaltliche Leitung von IVEP macht Sibylle Prins, die deutschlandweit bekannte Autorin und Dozentin mit sehr guten Kontakten zu diversen auftraggebenden Organisationen.

IVEP ist in meinen Augen eine gute Sache, denn damit ist es auch noch unbekannten Erfahrungsexperten möglich, an entsprechende Aufträge zu kommen. Und auch Institutionen, die noch keine Kontakte zu Erfahrungsexperten haben, profitieren. Die meisten Aufträge werden nach wie vor durch Mundpropaganda und persönliche Empfehlung vergeben, aber als Ergänzung ist IVEP eine Chance für einige.

Vielleicht interessieren Sie sich für eine Tätigkeit als psychiatrie-erfahrene Dozentin oder Dozent? Oder vielleicht möchten Sie Ihrem Team mal eine trialogische Fortbildung angedeihen lassen? Wenden Sie sich doch einfach hier an IVEP!

Neues E-Book bei Amazon zur Begrüßung des neuen Jahres

Nun befinden wir uns “zwischen den Jahren”. Das alte mit schönen und traurigen Erfahrungen vergeht. Das neue mit den noch unbekannten schönen Erfahrungen meldet sich an. Ich wünsche Ihnen jetzt Zeit zur Reflexion, zur Besinnung, zum Nachdenken. Damit das alte Jahr Ruhe findet und das neue gut werden kann.

Es gibt ein neues E-Book von mir bei Amazon:

“Das Ungesagte. Ein verrücktes Essay”

Das Ungesagte 3D

Eine Recovery-Geschichte. Ein Essay, das beschreibt, wie jemand in den ersten Jahren mit Psychose in die Sprachlosigkeit versinkt. Dann aber mit der Hilfe treuer Freunde Worte findet für sein Erleben und dadurch eine Art von Heilung erfährt. Ein Essay, das vermittelt, wie es sich anfühlt, mit einer Psychose zu leben, und was hilft, um da heraus zu finden.

Über Ihr Interesse freue ich mich sehr!

Ihre Svenja Bunt

Hartmut Haker: “Weihnachten in der Stadt”

Flyer Weihnachten in der Stadt_Layout 1Von Hartmut Haker verfasst und gerade neu als Hörbuch erschienen ist das Büchlein: “Weihnachten in der Stadt. Neun Erzählungen”.

Der kleine Band erzählt neun Weihnachtsgeschichten, die Hartmut Haker ursprünglich in verschiedenen Jahren für Freunde und Familie geschrieben hat. Es sind Geschichten, in denen Kinder beschenkt werden, in denen sich viele im Schein von Kerzen oder an einem Feuer erwärmen, in dem der Dom an Weihnachten besucht wird und es Karpfen als Festmahl gibt.

Das Besondere aber ist, dass sich immer wieder an Weihnachten in diesen Geschichten ein Weg findet aus Krankheit, Trauer und Schwierigkeiten in eine Welt, die für diesen Tag heil ist. So beschreibt Hartmut Haker sowohl Harmonie und Freude als auch Elend und Sorge. Doch aus Elend und Sorge und Krankheit gibt es an diesem Tag in diesen Geschichten ein Heimkommen, ein Heimfinden, eine Tür öffnet sich und Trost und Wärme und Menschlichkeit sind da. So klopft an diesem Tag ein Trinker und Obdachloser an die Tür seiner Mutter und wird willkommen geheißen. Ein krankes Kind erhascht einen Blick ins Paradies. Ein Suchender findet in einer Bibelstelle Orientierung.

Die Sprache der Geschichten ist einfach, sie sind eingängig und könnten auch einem Kind gefallen. Ihre Botschaft aber ist: Was auch immer das Leid und die Trauer und die Krankheit ist, die Sie tragen, an Weihnachten können Sie nach Hause finden. Und dann erfüllt sich, was schon die Engel damals sangen: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Wenn Sie jetzt in der Adventszeit eine besinnliche und doch auch unbeschwerte Lektüre suchen, wenn Sie vielleicht auch ein passendes Geschenk suchen, kann ich Ihnen diesen kleinen Band empfehlen.

Das Leben fühlen

Gefühle sind bei Psychose manchmal ein schwieriges Thema. So mancher Betroffene beklagt, dass er/sie kaum etwas fühlt. Die Gefühle sind weg, alles wie taub. Andere nehmen Substanzen, um sich wirklich zu fühlen. Beides ist natürlich sehr problematisch.

Gefühle sind Teil des Lebens, sie sagen uns, was wichtig ist und wo wir sicher sind. Sie sagen uns, wann alles im Lot ist und wann etwas unstimmig. Außerdem können sie sehr angenehm sein und Spaß machen.

Wie kann man mehr und differenzierter fühlen? Hier sind Formen von Kunst wichtig. Musik ist völlig eine Angelegenheit von Gefühlen. Wer jeden Tag Musik hört, wird Gefühle erleben. Auch Filme und Literatur rufen Gefühle wach. Wer in eine fiktive Welt eintaucht, wird viel fühlen, das ihm in seinem Alltag verschlossen bleibt. Auch Träumen am Tag oder auch im Schlaf hat viel mit Gefühlen zu tun.

Die Emotionsforschung sagt, dass wir alle ein dominantes Gefühl haben, eine Grundstimmung. Das kann eher Freude oder auch Angst oder Wut sein. Oder ein anderes Gefühl. Wenn ein angenehmes Gefühl dominant ist, hat man es gut. Wenn es ein unangenehmes ist, sollte man etwas an seiner Lebensgestaltung ändern. Denn Gefühle spiegeln auch wieder, wie stimmig der Alltag für uns ist. Gefühle sind dabei nicht nur privates Erleben, sondern sie teilen sich mit, mit ihnen kommunizieren wir und können auf diese Weise Menschen eher anziehen oder abstoßen.

Vielleicht überlegen Sie mal, was Ihr dominantes Gefühl ist im Alltag? Was fühlen Sie normalerweise? Und gefällt Ihnen das? – Es lohnt sich, sich mit Gefühlen zu beschäftigen, denn sie sind im Wesentlichen verantwortlich dafür, ob wir unser Leben mögen.

Lernen für Recovery

Recovery hat meiner Erfahrung nach viel mit Lernprozessen zu tun. Zum einen in dem übertragenen Sinne, dass wir lernen besser zu leben, besser mit uns und der Beeinträchtigung umzugehen. Zum anderen aber ist es auch hilfreich, konkret etwas zu lernen, einen Kurs zu besuchen, zu lesen oder Vorträge zu besuchen.

Schon seit etlichen Jahren biete ich einen Englischkurs bei einem psychosozialen Träger an. Die Teilnehmer lernen Englisch mit mir. In dem Prozess ergeben sich oft auch Recovery-Schritte: Die kognitiven Fähigkeiten verbessern sich, Selbstvertrauen nimmt zu, Stolz, Engagement. Es sind kleine Schritte in eine gute Richtung.

In der angelsächsischen Welt gibt es mittlerweile Recovery Colleges, also Recovery-Schulen, in denen man Kurse besuchen kann, um etwas zu lernen, das für das eigene Leben eine Bedeutung hat. Da lernen Betroffene und nicht-Betroffene gemeinsam, die Kurse sind offen für alle Interessierten.

Lernen gehört zum Leben dazu und vermittelt Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Das gilt auch für schwerwiegend psychisch erkrankte Menschen. Auch sie profitieren von Lernprozessen.

Meines Erachtens ist es Zeit, auch bei uns einen Fokus auf Lernen zu legen in der Begleitung psychisch beeinträchtigter Menschen.

Den Sommer genießen

Noch haben wir Sommer. Genießen Sie die schönen Tage? Auch mit wenig Geld ist viel möglich. Vielleicht ein langer Spaziergang an einem schönen Ort. Vielleicht ein kleines Boot ausleihen und paddeln gehen. Vielleicht ein Tagesausflug an die Ostsee.

Mich zieht es im Sommer an und auf das Wasser. In der Natur sein ist auch gut für die psychische Gesundheit. Die Ruhe, das Grün, die schönen Ausblicke, das Licht, das kühle Wasser. Es muss gar kein teurer Urlaub sein, fast überall in Deutschland kann man auch am Wasser spazieren gehen oder einen Tagesausflug an die See machen.

Vielleicht auch draußen sitzen, mit Freunden grillen, sich gut unterhalten. Sommerkonzerte draußen – da gibt es auch kostenlose. Ich finde, wir haben dieses Jahr wirklich Glück mit dem Wetter. Es ist schön, sich draußen zu bewegen.

Bei Psychose hilft es auch, sich auf den Augenblick zu konzentrieren. Bewegung in der Natur kann zu einem Gefühl von Lebensfreude führen. Probieren Sie es doch einfach mal aus. Und genießen Sie dann Sonne, Luft, Grün und Wasser mit allen Sinnen. Vielleicht führt das auch zu anderen Gedanken als die, die Sie aus der Psychose kennen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie die letzten Sommerwochen genießen können!

Paul Jouby: “Von der Seele geschrieben”

Auf der Website des Paranus Verlags ist der Text “Von der Seele geschrieben” von Paul Jouby zum kostenlosen Download erhältlich.

Paul Jouby legt im Alter von 75 Jahren einen Bericht über sein Leben vor, das durch Schizophrenie und deren Behandlung seit 1964 geprägt ist. Liebevoll wird der Alltag der Nachkriegszeit erinnert. Die Behandlung dann ab 1964, die damals noch weniger den Langzeitverlauf der Erkrankung verändern konnte als heute, wird ausführlich beschrieben: In großen Schlafsälen, mit wenig Personal und noch weniger begleitenden Therapien, mit vielen Medikamenten und dem Essen als Lichtblick des Tages. Ab einem gewissen, fortgeschrittenem Alter klingt die Erkrankung ein wenig ab und es ist dann noch einiges an Lebensqualität im Alter möglich.

Der Bericht  beeindruckt durch seine Klarheit, die historische Genauigkeit und die Aufrichtigkeit und Selbstakzeptanz. Besonders empfehlen möchte ich die Lektüre jungen psychosekranken Menschen, denn es macht Mut, dass jemand, der ein Leben lang mit der Erkrankung und ihrer Behandlung zu tun hatte, im Alter geistig fit und klar ist und ein Leben mit einer gewissen Lebensqualität gestalten kann. Dieser Bericht sagt allen Psychosekranken: Es lohnt sich, auch mit dieser Erkrankung alt zu werden.

Ebenfalls besonders zu empfehlen ist die Lektüre für ältere Angehörige, Großeltern etwa, die eingebettet in die Zeiten, die sie selbst kannten, auf diese Weise einen Einblick in die Erkrankung erhalten können. Also ich werde den Text meiner Oma schicken!

Es ist schön, dass jemand, auch mit einer nicht optimalen Behandlung und einem langen schweren Erkrankungsverlauf eine positive Lebensbilanz ziehen kann, auf vieles Positives zurückblicken kann und auch den Wert seines Lebens sicher erkennen kann. Der Text findet persönliche Antworten auch auf Fragen unserer Zeit: Worin besteht der Wert meines Lebens, wenn ich wenig Geld habe? Wenn ich nicht arbeiten gehen kann, habe ich trotzdem ein Recht zu sein in dieser Gesellschaft?

Es ist jedem Menschen zu wünschen, dass er im Alter eine positive Bilanz seines Lebens ziehen kann. Dass das auch mit einer Schizophrenie möglich ist, zeigt dieser Text. Es seien Jouby viele Leser gewünscht!

Hartmut Haker im Gespräch mit Svenja Bunt

SB: Herr Haker, Sie schreiben gerne. Wann haben Sie begonnen zu schreiben? Begann das erst mit der Verarbeitung der Erkrankung oder haben Sie schon früher geschrieben?

HH: Geschrieben habe ich schon als Kind und Jugendlicher. Geschichten über Piraten, Cowboys und Ungeheuer sind entstanden. Als 12-jähriger schrieb ich im Deutschunterricht als Aufsatz eine recht lange Erzählung, viel länger als verlangt – die Lehrer lächelten über diese Schreibwut. Auf Reisen verfasste ich Tagebücher. Als ich dann 1994 mit 20 Jahren an einer schizo-affektiven Psychose erkrankte, begann ich auf der geschlossenen psychiatrischen Station 23 der Schweriner Carl-Friedrich-Flemming Klinik mein erstes Buch zu schreiben. Meinen Vater bat ich in einem drängenden Brief um alles, was man zum Schreiben eines Buches braucht, und er brachte es mir. Den Stationsarzt fragte ich, ob ich mit meinen Mitpatienten Interviews machen darf, denn mein Buch „Station 23 – Begegnungen in der Psychiatrie“ beinhaltet 16 Interviews – ein Versuch um meine Schwierigkeiten mit denen anderer Patienten zu vergleichen.

In dieser Anfangszeit hatte ich den Gedanken mir selbst mit dem Schreiben zu helfen. Anfangs war es schwierig etwas zu Papier zu bringen. Ich fühlte auch, dass die Menschen da draußen nichts davon hören wollten. Meine Erkrankung und die Tabletten deckten meine Seele zu. Tief in mir hatte ich Angst, nie wieder klar denken zu können. Anfangs wurde mein Schaffen belächelt. Doch ich blieb hartnäckig, fand einen Verlag, das Buch erschien, und ich hielt Lesungen. Diese Beschäftigung half mir sehr, ich hatte etwas Sinnvolles zu tun und wurde abgelenkt. Diese ersten Jahre meines Schreibens waren überdeckt von meinem gesundheitlichen Zustand – trotzdem besaßen auch diese ersten Texte eine große Tiefe.

Der Sinn meines Schreibens bekam deutliche Konturen. Von mir und meinem Schreiben wurde gesagt, dass ich es verstehe, meine Erfahrungen so einfach und ungefärbt zu beschreiben, dass auch die sogenannten normalen Menschen verstehen und nachvollziehen können, was es bedeutet von einer Psychose betroffen zu sein. Die Leser begreifen, dass ihre Vorstellungen und vielleicht auch Vorurteile über psychisch erkrankte Menschen so nicht stimmen. Mit meinem Schreiben mache ich den vielen Betroffenen Mut. Und ich zeige, was mir geholfen hat und dass es sich lohnt nicht aufzugeben. In meinem zweiten Buch „Mein Feuerzeug“ entwickle ich mich weiter. Mir wird klar, dass ich zwar mein Leben und meine Zeit in der Psychiatrie dargestellt habe, aber meine tiefsten Ängste, die subjektive Dimension meines Krankseins fast gänzlich auslasse.

SB: Sie schreiben Fiktion mit autobiographischen Elementen. Sie lassen sich von der Erkrankung und dem Leben anregen. Hat sich Ihre Sicht auf die Erkrankung im Laufe der Jahre verändert? Hat das Schreiben dabei eine Rolle gespielt?

HH: Am Anfang hatte ich Angst vor meiner Erkrankung. Unberechenbar kamen meine Rückfälle und die Symptome wie Halluzinationen und Wahnvorstellungen stellten sich ein. Es brauchte viel Zeit bis ich meine Erkrankung verstehen konnte. Mein Schreiben spiegelte mein Leben, meine Erlebnisse wider. Ich hatte den Eindruck, dass ich „den Fall“ mit der Hilfe des Schreibens vielleicht sogar lösen konnte. Auch habe ich in den Jahren meiner Erkrankung viel gelesen und bin gläubiger geworden. Ich hatte den Eindruck, dass ich ehrlich und offen über meine Erkrankung schreiben muss – entweder völlig offen oder gar nicht. An manchen Stellen sind die Texte doch schon fast zu offen. Meine Erkrankung habe ich heute angenommen. Ich sage mir, dass viele andere Menschen an ebenso schlimmen Krankheiten leiden. Vielen Menschen auf der Welt geht es nicht gut. Man kann sagen: Jeder muss lernen mit seinen Einschränkungen zu leben. Das beste aus seinem Leben machen, an sich arbeiten, lernen, anderen benachteiligten Menschen helfen – das sollte wichtig sein.

SB: Welche Rolle hat Schreiben für Ihre Recovery gespielt? Sie haben ja viel erreicht im Leben, sind berufstätig und Familienvater sowie Autor. Ginge es Ihnen auch ohne das Schreiben so gut?

HH: Wie gesagt, hat mir das Schreiben sehr geholfen. Man kann sagen, mein Leben  würde ohne das Schreiben und ohne meine Bücher recht leer aussehen. Jedem psychisch Erkrankten möchte ich empfehlen zu schreiben, malen, fotografieren oder Sport zu treiben. Das kann eine Seele gesund machen.Speziell für meine Erkrankung weiß ich ungefähr wie die Reise weiter geht. Für meine schizoaffektive Erkrankung sind die Prognosen relativ günstig. Wenn ich auf mich aufpasse, kann ich weiterhin meiner Vollzeitbeschäftigung nachgehen und mit wenigen leichten Rückfällen rechnen. Ich weiß, dass ich durch meine Familie, meine Freunde und meinen Notfallplan gut getragen bin. Mir ist durch mein Schreiben und durch die Begegnung mit vielen Betroffenen aufgegangen,wie wertvoll Gesundheit ist und dass man durch einige Faktoren gesund werden kann: Liebe, Sicherheit, Menschen, die an einen glauben, eine Beschäftigung, die man mag, Geborgenheit, Wärme und Vertrauen.

SB: Haben Sie Pläne für ein neues Werk? Verraten Sie uns kurz, worauf wir gespannt sein dürfen?

HH: In diesem Jahr wird ein Kinderbuch erscheinen, zu dem mich mein zweijähriger Sohn inspiriert hat. Aus meinem Buch „Weihnachten in der Stadt“ wird ein Hörbuch entstehen. Für mein Theaterstück „Pohlmann. Station 23.“ sind mein Theaterverlag und ich auf der Suche nach interessierten Theatern. Was mir sehr wichtig ist: Im Juni diesen Jahres werde ich in der Carl-Friedrich-Flemming-Klinik in Schwerin eine Lesung halten – die Klinik, in der mein erstes Buch enstand. Seit längerer Zeit schreibe ich an einem Roman, in dem ich wieder meine Erkrankung verarbeite. Thema ist auch, dass ich in unserer Gesellschaft einige große Schwächen sehe. Menschen werden diskriminiert und stigmatisiert. Schauen Sie mal ins Fernsehen oder in die Zeitung, wie zum Beispiel psychisch Erkrankte dargestellt werden, gerade jetzt nach dem schrecklichen Flugzeugunglück! Keiner Gruppe von Menschen darf man einen Stempel aufdrücken, dass gerade eine Eigenschaft für sie gilt. Dagegen möchte ich mit meinem neuen Roman etwas tun.