Hartmut Haker im Gespräch mit Svenja Bunt

SB: Herr Haker, Sie schreiben gerne. Wann haben Sie begonnen zu schreiben? Begann das erst mit der Verarbeitung der Erkrankung oder haben Sie schon früher geschrieben?

HH: Geschrieben habe ich schon als Kind und Jugendlicher. Geschichten über Piraten, Cowboys und Ungeheuer sind entstanden. Als 12-jähriger schrieb ich im Deutschunterricht als Aufsatz eine recht lange Erzählung, viel länger als verlangt – die Lehrer lächelten über diese Schreibwut. Auf Reisen verfasste ich Tagebücher. Als ich dann 1994 mit 20 Jahren an einer schizo-affektiven Psychose erkrankte, begann ich auf der geschlossenen psychiatrischen Station 23 der Schweriner Carl-Friedrich-Flemming Klinik mein erstes Buch zu schreiben. Meinen Vater bat ich in einem drängenden Brief um alles, was man zum Schreiben eines Buches braucht, und er brachte es mir. Den Stationsarzt fragte ich, ob ich mit meinen Mitpatienten Interviews machen darf, denn mein Buch „Station 23 – Begegnungen in der Psychiatrie“ beinhaltet 16 Interviews – ein Versuch um meine Schwierigkeiten mit denen anderer Patienten zu vergleichen.

In dieser Anfangszeit hatte ich den Gedanken mir selbst mit dem Schreiben zu helfen. Anfangs war es schwierig etwas zu Papier zu bringen. Ich fühlte auch, dass die Menschen da draußen nichts davon hören wollten. Meine Erkrankung und die Tabletten deckten meine Seele zu. Tief in mir hatte ich Angst, nie wieder klar denken zu können. Anfangs wurde mein Schaffen belächelt. Doch ich blieb hartnäckig, fand einen Verlag, das Buch erschien, und ich hielt Lesungen. Diese Beschäftigung half mir sehr, ich hatte etwas Sinnvolles zu tun und wurde abgelenkt. Diese ersten Jahre meines Schreibens waren überdeckt von meinem gesundheitlichen Zustand – trotzdem besaßen auch diese ersten Texte eine große Tiefe.

Der Sinn meines Schreibens bekam deutliche Konturen. Von mir und meinem Schreiben wurde gesagt, dass ich es verstehe, meine Erfahrungen so einfach und ungefärbt zu beschreiben, dass auch die sogenannten normalen Menschen verstehen und nachvollziehen können, was es bedeutet von einer Psychose betroffen zu sein. Die Leser begreifen, dass ihre Vorstellungen und vielleicht auch Vorurteile über psychisch erkrankte Menschen so nicht stimmen. Mit meinem Schreiben mache ich den vielen Betroffenen Mut. Und ich zeige, was mir geholfen hat und dass es sich lohnt nicht aufzugeben. In meinem zweiten Buch „Mein Feuerzeug“ entwickle ich mich weiter. Mir wird klar, dass ich zwar mein Leben und meine Zeit in der Psychiatrie dargestellt habe, aber meine tiefsten Ängste, die subjektive Dimension meines Krankseins fast gänzlich auslasse.

SB: Sie schreiben Fiktion mit autobiographischen Elementen. Sie lassen sich von der Erkrankung und dem Leben anregen. Hat sich Ihre Sicht auf die Erkrankung im Laufe der Jahre verändert? Hat das Schreiben dabei eine Rolle gespielt?

HH: Am Anfang hatte ich Angst vor meiner Erkrankung. Unberechenbar kamen meine Rückfälle und die Symptome wie Halluzinationen und Wahnvorstellungen stellten sich ein. Es brauchte viel Zeit bis ich meine Erkrankung verstehen konnte. Mein Schreiben spiegelte mein Leben, meine Erlebnisse wider. Ich hatte den Eindruck, dass ich „den Fall“ mit der Hilfe des Schreibens vielleicht sogar lösen konnte. Auch habe ich in den Jahren meiner Erkrankung viel gelesen und bin gläubiger geworden. Ich hatte den Eindruck, dass ich ehrlich und offen über meine Erkrankung schreiben muss – entweder völlig offen oder gar nicht. An manchen Stellen sind die Texte doch schon fast zu offen. Meine Erkrankung habe ich heute angenommen. Ich sage mir, dass viele andere Menschen an ebenso schlimmen Krankheiten leiden. Vielen Menschen auf der Welt geht es nicht gut. Man kann sagen: Jeder muss lernen mit seinen Einschränkungen zu leben. Das beste aus seinem Leben machen, an sich arbeiten, lernen, anderen benachteiligten Menschen helfen – das sollte wichtig sein.

SB: Welche Rolle hat Schreiben für Ihre Recovery gespielt? Sie haben ja viel erreicht im Leben, sind berufstätig und Familienvater sowie Autor. Ginge es Ihnen auch ohne das Schreiben so gut?

HH: Wie gesagt, hat mir das Schreiben sehr geholfen. Man kann sagen, mein Leben  würde ohne das Schreiben und ohne meine Bücher recht leer aussehen. Jedem psychisch Erkrankten möchte ich empfehlen zu schreiben, malen, fotografieren oder Sport zu treiben. Das kann eine Seele gesund machen.Speziell für meine Erkrankung weiß ich ungefähr wie die Reise weiter geht. Für meine schizoaffektive Erkrankung sind die Prognosen relativ günstig. Wenn ich auf mich aufpasse, kann ich weiterhin meiner Vollzeitbeschäftigung nachgehen und mit wenigen leichten Rückfällen rechnen. Ich weiß, dass ich durch meine Familie, meine Freunde und meinen Notfallplan gut getragen bin. Mir ist durch mein Schreiben und durch die Begegnung mit vielen Betroffenen aufgegangen,wie wertvoll Gesundheit ist und dass man durch einige Faktoren gesund werden kann: Liebe, Sicherheit, Menschen, die an einen glauben, eine Beschäftigung, die man mag, Geborgenheit, Wärme und Vertrauen.

SB: Haben Sie Pläne für ein neues Werk? Verraten Sie uns kurz, worauf wir gespannt sein dürfen?

HH: In diesem Jahr wird ein Kinderbuch erscheinen, zu dem mich mein zweijähriger Sohn inspiriert hat. Aus meinem Buch „Weihnachten in der Stadt“ wird ein Hörbuch entstehen. Für mein Theaterstück „Pohlmann. Station 23.“ sind mein Theaterverlag und ich auf der Suche nach interessierten Theatern. Was mir sehr wichtig ist: Im Juni diesen Jahres werde ich in der Carl-Friedrich-Flemming-Klinik in Schwerin eine Lesung halten – die Klinik, in der mein erstes Buch enstand. Seit längerer Zeit schreibe ich an einem Roman, in dem ich wieder meine Erkrankung verarbeite. Thema ist auch, dass ich in unserer Gesellschaft einige große Schwächen sehe. Menschen werden diskriminiert und stigmatisiert. Schauen Sie mal ins Fernsehen oder in die Zeitung, wie zum Beispiel psychisch Erkrankte dargestellt werden, gerade jetzt nach dem schrecklichen Flugzeugunglück! Keiner Gruppe von Menschen darf man einen Stempel aufdrücken, dass gerade eine Eigenschaft für sie gilt. Dagegen möchte ich mit meinem neuen Roman etwas tun.

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