Erfahrungsexperten und psychiatrische Teams

Es gibt eine ganze Reihe von Schwierigkeiten damit, Erfahrungsexperten in psychiatrische Teams zu integrieren. Einerseits sollen sie ein gleichberechtigtes Teammitglied sein. Andererseits sollen sie das Team aus der Betroffenenperspektive beraten. Das bedeutet, dass sie immer Betroffene bleiben, die sich für andere Betroffene einsetzen. Ansonsten wäre das auch irgendwo witzlos, denn die besondere Kompetenz der Erfahrungsexperten besteht gerade in dieser Betroffenenperspektive.

Das macht die Teamarbeit für den Erfahrungsexperten zu einem schwierigen Balanceakt. Der Erfahrungsexperte soll vom Team akzeptiert werden als einer der ihren. Der Erfahrungsexperte soll aber gerade aus der Betroffenenperspektive heraus agieren. Das ist ganz schön schwierig.

Es kann gut funktionieren, wenn Wertschätzung und Sympathie da ist für den Erfahrungsexperten. Es funktioniert schlecht, wenn der nicht-betroffene Mitarbeiter bewusst oder unbewusst denkt, dass Psychiatrie-Erfahrene nichts im Team zu suchen haben. Das kann auch durch Ängste kommen: Wenn Mitarbeiter erst mit einem Erfahrungsexperten lernen, dass eine psychiatrische Erkrankung nicht Inkompetenz bedeutet, dann fällt die Abgrenzung schwerer. Und dann kommt vielleicht die Angst vor diesen Krankheiten. Manche Mitarbeiter denken bewusst oder unbewusst, dass sie niemals von einer psychiatrischen Erkrankung betroffen sein können, denn sie sind ja ganz anders als die Betroffenen. Diese Gewissheit wird erschüttert, wenn sie mit einem Erfahrungsexperten gleichberechtigt zusammenarbeiten.

Ich sehe meine Rolle als Erfahrungsexpertin auch darin, die Einstellung und Haltung des Teams ein bisschen zu verändern. Die Klienten sind nicht notwendigerweise Gegenstand der Fürsorge, sondern können auch eigenständig mit ihrem Leben klar kommen. Die Klienten sind keine Klienten, weil sie ein Bündel von Defiziten darstellen, sondern weil sie in ihrem Leben von einer schwerwiegenden psychiatrischen Erkrankung überrascht und gehemmt wurden. Und bei allen diesen psychiatrischen Erkrankungen gibt es Hoffnung: alle unsere Klienten können wieder ganz gesund werden oder zumindest lernen, wesentlich besser mit dem Leben zurecht zu kommen.

Das alles ist nicht einfach. Auch die Erfahrungsexperten müssen oft erst lernen, dass sie nicht für alles Lösungen haben und alles besser wissen und besser können. Ein offener Austausch, voneinander lernen auf der Grundlage gegenseitigen Respekts – das ist das, was ich mir wünsche.

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