Longolius: “Ich mag mich irren”

Im Verlag Bastei Lübbe ist der autobiographische Erfahrungsbericht “Ich mag mich irren. Mein Leben zwischen Wahn und Wirklichkeit” von Felix Longolius, in Zusammenarbeit mit Charlotte Krüger, erschienen.

Longolius schildert in seinem Buch sein Leben. Allerdings vor allem das wahnhafte Leben, in dem er eine Rolle in der Weltpolitik spielt, für das Gute kämpft, in einem Weltfernsehsender auftritt und überhaupt eine ganz wichtige, von zahlreichen internationalen Agenten überwachte Person ist. Auch wenn er sich auf seinen wahnhaften Fußmärschen und Reisen so manche Blase läuft, wenn er getrieben von seinen psychotischen Gedanken mittellos in andere Länder reist, um dort Bekanntschaft mit der Polizei und der Psychiatrie zu machen, so hat doch die Psychose für ihn einen großen Reiz. Er sieht seine winzige Wohnung als eine Art Zentrum der Welt, seine Ideen zur Weltverbesserung als bahnbrechend und historisch wichtig, seine bloßen Gedanken aufgrund von Telepathie wirkmächtig auf der Bühne der Weltpolitik.

In der Realität dagegen verbringt er seine Jugend mit Musik und Drogen, macht mühsam im zweiten Anlauf sein Abitur, er gibt sein Studium auf, er unternimmt nach einem Arbeitsversuch in jungen Jahren keine weiteren beruflichen Anstrengungen mehr. Privat gelingt es ihm Freundschaften zu erhalten, aber in partnerschaftlicher Hinsicht unterliegt er einer Art Liebeswahn mit einer unerreichbaren Mitschülerin, der ihn auch noch viele Jahre später in seinen Bann schlägt. Wenn die Psychose zu einem schlimmen Absturz führt, landet er in der Psychiatrie und es gelingt ihm ein Neustart. Allerdings ist dieser nie von langer Dauer, erneut melden sich die Außerirdischen und er kommuniziert telepathisch und mit dem Weltfernsehsender Dinge von weltgeschichtlicher Bedeutung.

Der Eindruck bei der Lektüre der sehr detaillierten Schilderungen des Wahnerlebens ist, dass Longolius hauptsächlich in dieser Wahnwelt lebt, auch beim Schreiben des Buches, dass ihm diese Welt nicht nur verlockend und verführerisch scheint, sondern ihm ein viel schöneres Leben zu bieten scheint als die schnöde Realität. In der Realität ist er in keiner Weise politisch aktiv, er engagiert sich für keine Ziele, er kriegt auch sein eigenes Leben nicht wirklich auf die Reihe. Im Wahn dagegen ist alles an ihm genau richtig und von selbstverständlicher, extremer Bedeutung. Nur ganz selten schlägt dieser rauschhafte Wahn in ein Angsterleben um. Anstatt sich mühsam um einen konstruktiven Weg bemühen zu müssen, schenkt ihm der Wahn offenbar alles, was er sich vom Leben wünscht.

In meiner Erfahrung ähneln sich die Wahnelemente verschiedener Psychosebetroffener, wenn auch nicht im Detail. Es handelt sich dabei nicht um weltbewegende Offenbarungen, sondern Gedanken, die im psychotischen Erleben vieler Menschen so auftreten. Es ist schade, dass Longolius diese Gedanken und dieses Erleben faszinierender findet als den Weg zur Erfüllung im realen Leben, auch wenn das ein langer und stellenweise frustrierender Weg wäre. Mit dem Buch hat er in gewisser Hinsicht eine Flucht nach vorne angetreten und seine Welt den Lesern geschildert. Wer noch nicht einen Erfahrungsbericht über psychotisches Erleben gelesen hat, dem kann dieses Buch neue Einsichten vermitteln. Wer schon einige andere gelesen hat, wird nicht viel Neues darin lernen. Von den Verlagen aber würde ich mir Bücher wünschen, die nicht spektakulär klingende Wahnwelten von Schizophrenen beschreiben, sondern Wege zur Genesung, zu einem guten und mit anderen verbundenem Leben von Menschen mit Psychoseerfahrung schildern.

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