Klaus Gauger: “Meine Schizophrenie”

Im Herder Verlag erschienen ist das Buch “Meine Schizophrenie” von Klaus Gauger.

Das Buch berichtet autobiographisch von dem Lebensweg eines Mannes mit einer Schizophrenie, der von einer starken Wahnhaftigkeit über 20 Jahre hinweg geprägt war. Im Wahn glaubt Klaus Gauger, dass es Stadtsysteme gibt, die von Psychiatern geleitet werden, die ihm die Aufnahme in das System verweigern. In seinen wahnhaften Reisen und Unternehmungen sucht er  in vielen Städten auf der ganzen Welt nach einem Therapeuten oder einer Psychiaterin, die ihn endlich in das System aufnimmt und damit von seinen Qualen erlöst.

In seinem realen Leben gelingen ihm in diesen 20 Jahren sehr gute Bildungserfolge, aber der berufliche Erfolg bleibt aus. Herr Gauger findet über die vielen Jahre hinweg keine auskömmlich bezahlte, qualifizierte Stelle, die er sich auch zutrauen würde. Wenn man das so liest, sieht man erstaunliche Parallelen zwischen dem realen und dem wahnhaften Leben von Herrn Gauger: In beiden muss er sich an Therapeuten und Psychiater wenden, um sozusagen in die Mitte der Gesellschaft gelangen zu können. Weder wahnhaft noch real gelingt ihm die Aufnahme in die normale Gesellschaft mit einem selbständigen Leben, einer Berufstätigkeit und engen privaten Verbindungen.

Der Autor ist ein intelligenter, gebildeter und vielseitig begabter Mensch, der sich als junger Mann vorstellt, Journalist zu werden oder Hochschullehrender oder auch Lehrer an einer weiterführenden Schule. Er arbeitet auf einen solchen Beruf auch hin, wird promovierter Germanist, sammelt Berufserfahrung als Journalist und im Unterrichten. Doch die “Aufnahme in das System” gelingt auch im realen Leben nicht: Herr Gauger lebt über die Jahrzehnte im Haushalt seiner Eltern, er findet nicht in ein eigenständiges Leben. Die vielen Versuche, damit Hilfe zu finden, führen erstmal nicht zu einem Erfolg.

Als sich seine Wahnhaftigkeit zuspitzt, wird er ein getriebener Weltreisender, der von Stadt zu Stadt, Land zu Land hastet in einer gefährlichen Flucht, aber seinen Dämonen nicht entkommen kann. Gestoppt wird diese Flucht durch eine respektvolle Zwangsbehandlung in Spanien. Die Wahnhaftigkeit verschwindet, aus Klaus Gauger wird wieder ein recht normaler Mensch, der heute als Alltagsbegleiter in einem Heim für psychisch erkrankte Menschen arbeitet.

Das Buch ist interessant und lesenswert für Menschen, die sich für Lebenswege mit Schizophrenie interessieren. Seine rein biologische Sicht auf seine Erkrankung, dass es sich um eine typisch verlaufende Schizophrenie handelt, die nur mit Medikamenten erfolgreich behandelt werden kann, sein Plädoyer, dass Zwangsbehandlungen wichtig sein können und in Deutschland erleichtert werden sollten, wird vielen Betroffenen nicht gefallen. Auch ich finde es verkürzt. Seine Wahnhaftigkeit scheint mir nicht ein biologisches Schicksal zu sein, sondern auch mit seinem Wunsch nach einem bürgerlichen Leben, das nicht gelingen wollte, verbunden zu sein. Sein Plädoyer, dass die Gesellschaft den erkrankten Menschen ein solches bürgerliches Leben bieten soll, ist erneut Ausdruck seiner Wertvorstellungen für sein Leben.

Dass aber das Leben auch hätte gut sein können, und dies auch für ganz viele Betroffene ist, mit einer eigenen kleinen bezahlbaren Wohnung, einer Arbeit in Teilzeit, die man gut bewältigen kann, auch unabhängig davon, wie gut qualifiziert sie ist, und Unterstützung durch Freunde und Familienangehörige, dass dies alles auch mit wenig Geld machbar gewesen wäre, denke ich schon. Dass kaum ein Psychosebetroffener ein bürgerliches Leben in der Mitte der Gesellschaft leben kann, auch aufgrund der Einschränkungen der Belastbarkeit und anderen Besonderheiten, heißt nicht, dass gar kein selbständiges und auch gutes Leben möglich ist.

Dem Autor sei gewünscht, dass er auch abseits der großen bürgerlichen Lebensentwürfe, wie sie seine Herkunftsfamilie leben konnte, sein eigenes Leben entdeckt, auch wenn es anders und vielleicht kleinformatiger wäre. Ein eigenständiges Leben ist eine gute Versicherung gegen eine Rückkehr des Wahns. Rückfallprophylaxe heißt in meinen Augen nicht nur Medikamente schlucken.

Das Buch sei dennoch Menschen empfohlen, die sich für Lebenswege mit Psychose interessieren.

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