Weinmann: “Die Vermessung der Psychiatrie”

Im Psychiatrie Verlag ist das Buch “Die Vermessung der Psychiatrie. Täuschungen und Selbsttäuschungen eines Fachgebiets” von Stefan Weinmann erschienen.

Das Buch von Weinmann ist interessant und es bringt einige auch aus Betroffenensicht wesentliche Punkte auf den Tisch. Jedoch scheint es mir in einigen Punkten sehr komplexe Angelegenheiten polemisch zu verkürzen und einseitig darzustellen. Dazu im Folgenden eine Zusammenfassung einiger Gedanken in Weinmanns Buch und eine kritische Würdigung durch mich im Anschluss.

Ausgehend von Überlegungen zu Täuschung und Selbsttäuschung unternimmt Weinman eine umfassende Kritik der biologischen Psychiatrie. Kritik erfährt der Grundgedanke, dass psychische Erkrankungen Erkrankungen des Gehirns seien, die sich vermessen und mit Biomarkern erkennen ließen, die im Gehirn eindeutige Abweichungen vom Gehirn gesunder Menschen aufzeigen. Aus diesem Grundgedanken entstand ein sehr umfangreiches und teures Forschungsprogramm, das genanalytische, aber auch bildgebende Verfahren einsetzt, um diese Grundannahme zu bestätigen. Das habe bislang, so Weinmann, zu keinen klinisch anwendbaren, also für Patienten hilfreichen Neuerungen in der Psychiatrie geführt. Auch lasse sich weder durch bildgebende noch sonstige biologische Verfahren eindeutige biologische Ursachen oder spezifische Erkrankungsprozesse nachweisen. – An dieser Kritik an der forschenden psychiatrischen Medizin ist meiner Einschätzung nach sicherlich einiges richtig. Man müsste in der Forschung auch soziale und psychologische Faktoren stärker berücksichtigen. Allerdings ist auch der Stand in der Psychiatrie mittlerweile, dass psychische Erkrankungen multifaktorielle, biopsychosoziale Erkrankungen seien. Ein Teil der Forschung sucht weiterhin nach biologischen Ursachen und Prozessen, aber in weiten Teilen der Psychiatrie würde man psychische Erkrankungen nicht mehr biomedizinisch sehen.

Weinmann kritisiert auch den Einsatz von Medikamenten in der Psychiatrie. Er spricht von einer “Antipsychotika-Falle”, da sich die Medikamente kaum wieder absetzen lassen und viele Patienten sie aber nicht dauerhaft einnehmen wollen, zudem draunter leiden und in ihrer Gesundheit Schaden nehmen. Medikamente würden zudem höhere kognitive Leistungen wie Kreativität und Empathie verhindern. – In dieser Kritik an den Medikamenten, die einige berechtigte Punkte hat, sieht Weinmann meiner Einschätzung nach die Medikamente offenbar sehr negativ, also gar nicht hilfreich oder nur in extrem zugespitzen Akuterkrankungen. In meiner Auffassung ist das zu pauschal. Es gibt viele sehr engagierte Betroffene, die es für sich so einschätzen, dass sie ohne die Medikamente nicht zu dem Engagement in der Lage wären. So mancher Studienabschluss, so manche langjährige Berufstätigkeit wäre ohne die Medikamente unmöglich gewesen. Auch die vielfach gescholtenen Antidepressiva erleben doch viele Betroffene als hilfreich für ihre Lebensbewältigung. Wahrscheinlich nimmt kein junger Mensch gerne Psychopharmaka. Es gibt sicherlich auch Probleme mit diesen Medikamenten, vor allem dass sie sich kaum wieder absetzen lassen trotz einer Besserung und dass sie die Menschen in vielen Fällen in Abhängigkeit von psychiatrischer Behandlung halten. Da wären Alternativen besser, die aber in vielen Situationen nicht verfügbar sind. Und Antipsychotika, die ja für viele Betroffene relativ wirksame Medikamente sind, so schlecht darzustellen, scheint mir auch nicht sinnvoll.

Dennoch bin ich dankbar für dieses Buch, das wichtige Themen auf die Agenda bringt: Dass soziale Ungleichheit psychische (und körperliche!) Erkrankungen fördert, ist deutlich durch die internationale Forschung nachgewiesen. Dass viele Psychosebetroffene traumatische Erfahrungen gemacht haben, auch von Ausgrenzung und Mobbing, von sozialen Verlusten und sozialer Isolation, ist ebenfalls eine robuste Erkenntnis. Man müsste hier viel stärker hinschauen und Weinmann macht das in seinem Buch. Es ist für Betroffene sehr bedeutsam, wenn ihr Erleben in der Erkrankung mit ihrer Biographie, mit schlimmen Erfahrungen verknüpft werden kann. Daraus lassen sich Impulse entwickeln, das eigene Leben anders aufzustellen, neue Erfahrungen zu machen, um nicht mehr so sehr unter der Erkrankung leiden zu müssen. Psychische Erkrankungen haben mit der Lebenserfahrung zu tun, sie entwickeln sich über viele Jahre und können in gewisser Hinsicht eben nicht “jeden” treffen. Es müssen verschiedene, eben auch psychisch und sozial ungünstige Entwicklungen zusammenkommen.

Das Buch enttäuscht ein bisschen, was mögliche neue Perspektiven für die Psychiatrie angeht. So meint Weinmann, dass man Traumata auch von Psychosebetroffenen anerkennen müsse, dass das schon sehr hilfreich sei. Ein bisschen hilfreich wäre es wohl, aber Traumata gehen nicht weg, wenn sie von einem Arzt anerkannt werden. Schön wäre es, wenn man neue therapeutische Möglichkeiten entwickeln würde, wie man auch schwer erkrankten Menschen helfen kann, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen und sich einzubringen in die Gemeinschaft. Wenn das besser gelänge, würden sich wahrscheinlich auch die soziale Situation und das Stigma in der Gesellschaft verbessern.

Weinmann kritisiert zu Recht die Psychiatrie. Aber damit ist es ja nicht getan. Es muss um neue Konzepte und Idee gehen, wie man den schwer betroffenen Menschen Mut machen kann und ihnen eine Version eines normalen Lebens ermöglichen kann. Dass das wirklich schwer ist, weiß ich aus meiner Arbeit in der Wohnbetreuung. Es sei den Psychiatern der Mut gewünscht, sich mit Weinmanns Buch auseinanderzusetzen und neue Konzepte zu entwickeln.

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